Von der Fahrradleiche zum nachhaltigen Leihfahrrad


Zwei von der siebenköpfigen Crew, Erik Lehmann (links) und Christopher Meisemann. Charakteristisch für Rentcycle sind die grünen Griffe. Zusätzlich soll das Logo auf die Schutzbleche aufgebracht werden.

In 32 Gießener Hinterhöfen fand am Samstag der WG-Flohmarkt statt. Für jene, die mit dem Fahrrad mobil sein wollten, um von Station zu Station zu fahren, gab es die Möglichkeit „Rentcycle“ zu testen, ein Leihfahrradsystem mit Nachhaltigkeitsanspruch.

Seit Herbst 2016 tüftelt Erik Lehmann an einem Konzept für ein Leihfahrradsystem für Gießen. Seine Idee: Fahrradleichen, die nicht mehr benutzt werden, zu reparieren und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. „Wie viel das Ganze kosten wird, hängt von den Rahmenbedingungen ab und die sind noch nicht klar. Wir wollen kostendeckend arbeiten und das Projekt sozial auslegen“, sagt Lehmann. Der Student des Umweltingenieurwesens hat Verstärkung gefunden. Inzwischen besteht das Team aus sieben Leuten, die alte Fahrräder reparieren, das Konzept weiterentwickeln und eine App entwerfen. Das Verleihsystem soll nicht stationengebunden sein. „Es handelt sich um ein Free Floating System“, erklärt Lehmann. „Mittels der App und GPS Sendern kann man sehen, wo in der Stadt sich gerade freie Räder befinden und dann zum nächstgelegenen laufen.“ Geplant sind automatisierte Schlösser, die mittels App und Bluetooth geöffnet werden können. „Für jene, die kein Smartphone haben, könnte es Kooperationen mit Kiosken geben, wo die Leute sich dann das Fahrrad leihen können.“ 20 Fahrräder gibt es schon, acht davon sind fahrbereit. Es sollen allerdings 40 bis 50 werden, damit das Projekt starten kann. „Wir sind immer noch auf der Suche nach Fahrrädern. Wenn also Hausverwalter ihre Höfe oder Keller leeren wollen, können Sie sich sehr gerne an uns wenden.“ Mit ein bisschen Glück könne das Projekt Ende August an den Start gehen, schätzt Lehmann.

Fünf Fahrräder stehen auf dem WG-Flohmarkt beim „mobility hub“, wie sich der Infostand an der Flohmarktstation 20 nennt, zur Ausleihe bereit, derzeit noch ganz analog und kostenlos zum Test. Wie aber sollen mit zukünftig eher kleinen Beträgen die Kosten für Reparatur, Instandhaltung und die gesamte Betreuung gedeckt werden? Eine Anschubfinanzierung hat das Projekt durch einem Wettbewerb bei der Nachhaltigkeitsstrategie Hessen bekommen, davon werden derzeit die Sachkosten bezahlt. Die sieben Rentcycler arbeiten alle ehrenamtlich. „Eine Zusammenarbeit mit der Jugendwerkstatt ist geplant. So können wir beispielsweise deren Werkstatt nutzen. Wir haben die Idee, Kurse anzubieten, bei denen dann die Rentcycle-Fahrräder repariert werden.“ Lehmann gibt zu, dass es entweder einiger engagierter Freiwilliger bedarf oder dass die Instandhaltung finanziell gestemmt werden muss – wenn nicht über die Leihgebühr, dann möglicherweise über Sponsoring.

Seit wenigen Tagen ist auch die Facebook-Seite freigeschaltet. Jedes Fahrrad, das fertig repariert ist, wird dort mit Namen und Kurzbiografie vorgestellt. So zum Beispiel Elvira, „auf die man sich verlassen kann und die auch in platten Zeiten etwas Flickzeug dabei hat, um ihren Kollegen wieder auf die Reifen zu helfen.“

Dass die Stadt eventuell ein kommerzielles, professionelles Fahrradverleihsystem auf den Weg bringen könnte, sieht Lehmann zwiegespalten: „Wir ziehen das auf jeden Fall durch, auch wenn das natürlich eine Konkurrenzsituation erzeugen würde. Wir hoffen aber, dass die Leute unser Konzept sympathischer finden. Außerdem hat das Free Floating System auch Vorteile gegenüber festgelegten Stationen.“


Die gelben Aufkleber zeigen die Orte, an denen sich Leute Fahrradleihstationen wünschen.

Beim „mobility hub“ sind auch flux – Stadtimpulse vertreten. Ab Herbst will die Initiative in Gießen Aktionen zum Thema Mobilität durchführen. Beim WG-Flohmarkt erfragen Johannes Schmid und Nils Seipel von flux, wo sich die Personen am liebsten Fahrradleihstationen wünschen würden und welche Wege sie mit dem Fahrrad zurücklegen.